Rede zur Einschulung (Montag, 21.08.06)
Liebe Fünftklässlerinnen und Fünftklässler,
Herzlich Willkommen bei uns am Gymnasium Othmarschen!
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„Das schaff ich schon!“, hat der Chor eben für euch gesungen, um euch Mut zu machen für das Gymnasium und für diesen Tag, der – das weiß ich, weil ich selbst schon ein paar Mal so da gesessen habe wie eure Eltern jetzt (als meine Kinder nämlich aufs Gymnasium kamen) - ein ganz besonderer Tag ist. Ein Gymnasium ist ja auch etwas Besonderes.
(Immerhin kommt ja nicht jeder aufs Gymnasium).
GYMNASIUM – dieses Wort hört sich für manche von euch vielleicht bedrohlich an, weil ihr denkt: das ist schwer, schwerer als andere Schulen, man muss viel lernen, viel mehr als an anderen Schulen, und die Lehrer sind streng, viel strenger als an anderen Schulen… Dabei ist das Wort eigentlich ganz harmlos und überhaupt nicht bedrohlich. Es kommt nämlich von gymnos, und das ist griechisch und heißt: nackt.
Damit will ich nicht sagen, dass hier alle nackt sind ( wir sind zwar nicht für die Schulkleidung; jeder kann anhaben, was er will, egal was, und gerade das finden wir schön hier, dass ihr alle nämlich so unterschiedlich seid, aber wir haben natürlich, wie ihr seht, alle was an) –
Ich will damit auch nicht sagen, dass das Gymnasium Othmarschen so etwas ist wie ein Schwimmbad, ein Freizeitbad , in dem man spielt, sich die Zeit vertreibt, seine Freizeit genießt, ganz und gar nicht – von gymnos kommt nämlich das Wort Gymnastik, und das bedeutet : ANSTRENGUNG.
Aber wie gesagt: „Ihr schafft das schon!“
Ein Einschulungstag, liebe Fünftklässlerinnen und Fünftklässler, ist also etwas Besonderes, und ein Gymnasium ist etwas Besonderes.
Vor allem aber: eine SCHULE ist etwas Besonderes, weil man in ihr nämlich lernen darf. Und Lernen ist etwas ganz Besonderes. Und warum das so ist, das will ich euch heute erklären, damit ihr es in den nächsten acht Jahren auch nicht vergesst:
In einer Schule lernt man nämlich außerhalb des Lebens für das Leben. Oliver Twist, der Simplicissimus, Emile, die Räubertochter Ronja…alle diese Kinder mussten im Leben für das Leben lernen – und das war ziemlich gefährlich und gar nicht immer schön ( denkt nur mal an die Felsspalte, über die Birk und Ronja immer springen mussten, oder daran, wie Oliver von Fagin behandelt wurde…) Dieses Lernen war kurzfristig, situationsabhängig, ungeplant und: lebensgefährlich. Und man wusste nie, was dabei heraus kam, und ob die Kinder es auch überleben würden.
Das ist in einer Schule anders. In einer Schule lernen Kinder langfristig, geplant und auf ein Ziel hin orientiert - und vor allem: sicher! Ihr werdet es auf jeden Fall überleben. Das verspreche ich euch.
Aber darum gibt es auch Lehrpläne, an die wir uns halten müssen. Und es gibt kleine Gesetze, die den Umgang mit diesen Lehrplänen regeln und die überhaupt den Umgang aller Menschen miteinander in unserer Schule regeln. Diese kleinen Schulgesetze nennen wir deshalb auch: Regeln. Sie dienen der Ruhe, die ihr braucht, um lernen zu können. Ohne Ruhe kann man nämlich nicht lernen. Und ohne Zeit auch nicht. Und darum ist es ganz wichtig, dass ihr euch alle an diese Regeln haltet. Sie stehen in unserer Hausordnung, und die bekommt ihr von euren Klassenlehrern.
Aber auch heute noch lernen die allermeisten Kinder auf dieser Welt auf sehr gefährliche Weise, ohne Regeln und ohne Ruhe - und ohne Zeit - und schlimmstenfalls: gar nicht.
Und wir Lehrer am Gymnasium Othmarschen, wir finden, dass ihr neben allem anderen, das ihr in Mathematik, Englisch, Deutsch, Französisch und in den anderen Fächern bei uns lernen werdet, auch lernt, über euch selbst hinaus, über das Gymnasium Othmarschen hinaus, auch über die Stadt Hamburg und über Deutschland hinaus zu blicken, - nicht, damit ihr seht, wie gut es euch eigentlich geht im Verhältnis zu anderen ( das sagen Erwachsene zu Kindern immer, und das ist inzwischen wirklich richtig langweilig), nein, damit ihr selbst ganz kluge junge Erwachsene werdet.
Und darum sind bei uns am Gymnasium Othmarschen die Fächer Erdkunde und Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Kunst und Musik, ganz besonders wichtige Fächer, in denen ihr genau so gut aufpassen müsst wie in den anderen:
In der Beilage der Süddeutschen Zeitung vom 11. August, die ich euch hier mitgebracht habe, erzählen 10 und 11-jährige Kinder aus Ländern, in denen Krieg ist, davon, weshalb sie unbedingt weiter zur Schule gehen wollen.
Ich möchte euch das vorlesen:
Hanan Hassan aus dem Libanon z.B. sagt:
Ich habe Angst. Ich vermisse meine Freundinnen, und ich weiß nicht, wo sie sind. Ich möchte endlich wieder zur Schule gehen, damit ich weiß, dass es sie noch gibt und damit wir zusammen lernen können. Ich kann alleine nicht gut lernen, und in der Schule kann man auch zusammen spielen.
Und Sahil Fayaz aus Kaschmir sagt:
Ich muss unbedingt weiter zur Schule gehen, weil ich Journalist werden will. Dafür muss ich doch lernen. Nur Journalisten können jeden Ort auf der Welt besuchen, ohne ganz viel Angst zu haben.
Hamad (sein Nachname steht hier nicht) aus Afghanistan, schreibt:
Wir haben in der Provinz gewohnt. Da war kein Krieg. Ich konnte zur Schule gehen. Darum glaubte ich, dass Frieden war. Nur im Frieden gibt es Schulen, haben meine Eltern gesagt.
Und abschließend, Saja Wasfi, aus dem Irak. Sie schreibt:
Ich habe vergessen, was genau Frieden ist. Das kommt, weil ich nicht zur Schule gehen kann. Aber ich glaube, es ist etwas sehr sehr Schönes.
Liebe Fünftklässlerinnen und Fünftklässler,
das glaube ich auch. Frieden ist etwas sehr sehr Schönes, aber es ist eben leider überhaupt nichts Alltägliches, und auch überhaupt nichts Automatisches.
Und eine Schule ist eben deshalb etwas ganz Besonderes, weil sie Frieden zur Voraussetzung hat, so wie Hamads Eltern es ihm gesagt haben. Und sie setzt voraus, dass sie sich selbst erhält, und dass sie Frieden erhält.
Das, was im Großen sein muss, muss auch im Kleinen sein, und darum müssen alle, die in einer Schule miteinander arbeiten, alles dafür tun, dass es so ist und dass es so bleibt. Im Großen wie im Kleinen.
Und weil man gerade in einer Schule neben Mathematik und Deutsch, Englisch, Französisch und vielen anderen Fächern, eben genau das lernt, - darum ist Schule etwas ganz Besonderes, und ein Gymnasium ist eben deshalb etwas ganz ganz Besonderes, weil man davon eben ganz besonders viel lernt und sich eben deshalb dafür auch ganz besonders anstrengen muss. Gymnos - Gymnastik - Gymnasium. So einfach ist das.
Aber, wie gesagt, liebe Fünftklässlerinnen und Fünftklässler,:„Ihr schafft das schon!“ Und wir werden euch dabei helfen. Das verspreche ich euch auch.
So, und wie geht das nun: Lernen? – auch das ist eigentlich ganz einfach. Es geht immer vom Einfachen zum Schwierigen - bis hin zum ganz Schwierigen. Man muss es nur selbst tun, und man muss es sich oft auch selbst organisieren - auch wenn die Bedingungen dafür nicht immer ganz leicht sind. Nicht alles organisiert ja für die Menschen: der Staat.
„Lerne erst das Einfachste“
„ – so fängt das Gedicht „Lob des Lernens“ von Bertolt Brecht an, der schon lange tot ist, aber den ihr im Deutschunterricht hier kennen lernen werdet.
Das Gedicht geht so (und damit endet auch schon meine erste kleine Rede an euch, in der ich euch erklären wollte, warum das Lernen in der Schule - und im Gymnasium ganz besonders - eben etwas ganz Besonderes ist):
Lob des Lernens
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Lerne erst das Einfachste! Für die
Deren Zeit gekommen ist
Ist es nie zu spät!
Lerne das ABC, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen! Fang an! Du musst alles wissen!...
Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!...
Suche die Schule auf, Obdachloser, verschaffe dir Wissen, Frierender! Hungriger, greif nach dem Buch, es ist eine Waffe!...
Scheu dich nicht, zu fragen.
Laß dir nichts einreden.
Sieh selbst nach!
Was du selbst nicht weißt, weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung, (Kind), (denn) du musst sie bezahlen…
Liebe Fünftklässlerinnen und Fünftklässler,
ihr seid die, deren Zeit jetzt gekommen ist.
Ihr seid für uns: etwas ganz Besonderes.
Ich freue mich, dass ihr da seid -
Herzlich willkommen bei uns !!!
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